Tischlerei: Bewertung, EBIT-Multiples und wie Sie den Unternehmenswert gezielt steigern

Was ist eine Tischlerei beim Verkauf wert – und wie lässt sich der Wert gezielt steigern? Ein Fallbeispiel zeigt, worauf es wirklich ankommt.

Ein solides Handwerk – mit begrenztem Bewertungsspielraum

Ein Tischlereibetrieb mit 10 Mitarbeitenden, einem Jahresumsatz von 1,4 Millionen Euro und einem EBIT – also dem Ergebnis vor Zinsen und Steuern – von 125.000 Euro. Das Kerngeschäft: überwiegend der Austausch von Fenstern und Türen. Die Montage standardisierter Fertigteile macht den Löwenanteil der betrieblichen Leistung aus.

Das ist ein wirtschaftlich gesundes, handwerklich professionelles Unternehmen – doch aus Bewertungsperspektive lohnt es sich, richtig hinzuschauen. Der Einbau von Fertigteilen ist ein Leistungsangebot, das in tausenden vergleichbaren Betrieben bundesweit erbracht wird. Es gibt aktuell zwar staatliche Förderprogramme im Bereich der energetischen Sanierung, die für Fenster- und Türentausch relevant sind. Das ändert jedoch nichts daran, dass das Geschäftsmodell kaum strukturelle Differenzierungsmerkmale aufweist und genau das schlägt sich in der Kaufpreisbandbreite nieder.

Wie wird eine Tischlerei bewertet? Aktuelle Kaufpreisbandbreite

Bei der Bewertung von KMU greift die Praxis in aller Regel auf das Ertragswertverfahren oder – als schnelle Marktorientierung – auf die EBIT-Multiple-Methode zurück. Das EBIT Multiple beschreibt, mit welchem Faktor ein Käufer bereit ist, den bereinigten operativen Gewinn eines Unternehmens zu kapitalisieren. Je stabiler, skalierbarer und inhaberunabhängiger das Unternehmen aufgestellt ist, desto höher fällt dieser Faktor aus.

Für Betriebe aus dem Bereich Bau und Handwerk werden im KMU-Segment aktuell EBIT-Multiples zwischen 3,8 und 6,5 beobachtet – mit einem Mittelwert von rund 5,1. Für kleine Tischlereien unter 2 Millionen Euro Umsatz, die stark auf standardisiertes Leistungsangebot und inhaber- oder mannschaftsgetriebene Umsetzung setzen, bewegt sich der Multiple üblicherweise am unteren Ende dieser Bandbreite.

Auf Basis eines EBIT von 125.000 Euro ergibt sich für den vorliegenden Betrieb eine realistische Kaufpreisbandbreite von 400.000 bis 600.000 Euro. Das entspricht einem impliziten Multiple von etwa 3,2 bis 4,8 – was für diese Betriebsgröße und dieses Geschäftsmodell eine marktgerechte Einschätzung darstellt.

Kurzfristig lässt sich der Unternehmenswert kaum signifikant steigern. Wer seinen Betrieb in zwei bis drei Jahren verkaufen möchte, muss heute mit der Neuausrichtung beginnen.

Produktstrategie als Werttreiber: Das Renovierungspaket zum Festpreis

An genau diesem Punkt setzt die zentrale Empfehlung an: Das Geschäftsmodell vom reinen Fertigteil-Einbau hin zu einem vollständigen Renovierungsangebot weiterzuentwickeln und dieses Angebot klar zu positionieren.

Der Gedanke dahinter ist naheliegend: Wer Fenster austauscht, renoviert in der Regel. Tapezieren, Bodenbelag erneuern, Anschlussarbeiten – all das gehört für viele Kunden zum gleichen Projekt. Der Koordinationsaufwand über mehrere Gewerke hinweg ist dabei eine der häufigsten Belastungen, die Auftraggeber von solchen Maßnahmen abhalten oder ihnen schlaflose Nächte bereiten.

Die Kernsorgen der Zielgruppe sind dabei identifizierbar:

  • Welche Handwerksbetriebe soll ich beauftragen, wie koordiniere ich sie?
  • Wie lange wird das dauern – und wann kann ich wieder normal leben?
  • Was kostet das am Ende wirklich?

Zielgruppe 50 Plus. Diese Kundengruppe hat häufig ausgezogene Kinder, Zeit für ein größeres Wohnprojekt und Interesse an Qualität statt ausschließlich Preis. Gleichzeitig ist die Bereitschaft vorhanden, für verlässliche Koordination und klare Rahmenbedingungen zu bezahlen.

Das Produktversprechen: Festpreis und Terminsicherheit. Zwei konkrete Leistungsversprechen können dieses Angebot markant differenzieren. Erstens: ein verbindlicher Festpreis für das gesamte Renovierungsprojekt – keine Nachtragsmentalität, keine bösen Überraschungen. Zweitens: eine Terminsicherheitsgarantie. Konkret: Wird das Projekt nicht zum vereinbarten Termin fertiggestellt, übernimmt der Betrieb die Hotelkosten für den Zeitraum der Verzögerung.

Das mag auf den ersten Blick risikoreich klingen. In der Praxis wirkt es für den Betrieb als starker Anreiz zur sauberen Projektplanung – und gegenüber dem Kunden als ungewöhnliches, aber glaubwürdiges Signal für Ernsthaftigkeit. Darüber hinaus entsteht so eine Geschichte, die sich erzählt: Wenn ein Betrieb tatsächlich einmal für zwei Tage Hotelkosten aufkommt, ist das werbewirksamer als jedes Anzeigenbudget.

Online-Vermarktung für die Zielgruppe. Die 50-Plus-Zielgruppe ist heute digital präsent und informiert sich vor Projekten ausführlich online. Eine konsequente digitale Vermarktung des Renovierungspakets – SEA, lokale Sichtbarkeit, Referenzprojekte, Bewertungen – erschließt diese Zielgruppe zuverlässig und mit messbarem Rücklauf.

Was eine Tischlerei mit optimierter Positionierung wert sein kann

Gelingt die Transformation zum positionierten Renovierungsanbieter mit Festpreismodell und definierter Zielgruppe, verschieben sich die Bewertungsparameter merklich.

Durch die verbesserte Marge, die das Paketmodell ermöglicht, und durch die gestiegene Kundentreue und Weiterempfehlungsrate lässt sich mit der vorhandenen Mannschaft realistisch ein EBIT von 200.000 bis 220.000 Euro erzielen. Das entspricht einer Steigerung von rund 60 bis 75 Prozent gegenüber dem heutigen Ausgangswert – ohne signifikante Kapazitätserweiterung.

Der entscheidende Effekt: Nicht nur das EBIT steigt, sondern auch der erzielbare Multiple. Ein Betrieb mit differenziertem Leistungsversprechen, strukturiertem Vertrieb und klar definierter Zielgruppe wird von potenziellen Käufern höher bewertet als ein austauschbarer Einbaubetrieb. Die resultierende Kaufpreisbandbreite liegt dann bei 800.000 Euro bis – mit günstigen Rahmenbedingungen – 1.000.000 Euro. Das ist ein Wertzuwachs von 60 bis 150 Prozent gegenüber der heutigen Ausgangslage.

Wer das Modell darüber hinaus dokumentiert und auf weitere Standorte oder Partner skalierbar macht, schafft zusätzlich eine Käufergruppe, die auf genau solche konsolidierbaren Handwerkskonzepte spezialisiert ist.

Das Tischlerhandwerk in Deutschland: Branchenstruktur, Bewertung und Nachfolgedruck

Marktstruktur: rund 36.000 Betriebe, 200.000 Beschäftigte

Das Tischlerhandwerk gehört zu den zulassungspflichtigen Handwerksberufen der Anlage A – für die selbstständige Gewerbeausübung ist ein Meisterbrief erforderlich. Zum Stichtag 31. Dezember 2023 gab es deutschlandweit insgesamt rund 36.070 Betriebe im Tischlerhandwerk – die Zahl ist gegenüber dem Vorjahr erneut gesunken. Mit rund 200.000 Beschäftigten ist das Tischlerhandwerk ein bedeutender Arbeitgeber im deutschen Mittelstand.

Mit insgesamt rund 17.800 Lehrlingen im Jahr 2023 zählt der Tischlerberuf zu den Top-Fünf der beliebtesten Ausbildungsberufe im Handwerk. Dennoch bleibt die Branche strukturell herausgefordert.

Fachkräftemangel: Der größte operative Werttreiber – und Risikofaktor

2024 konnte hierzulande etwa die Hälfte aller offenen Stellen in Handwerksberufen nicht besetzt werden. Für Tischlereien gilt das in besonderem Maße: Qualifizierte Gesellen und Meister sind rar, und ohne stabile Mannschaft lässt sich weder Umsatz noch Qualitätsniveau verlässlich sicherstellen.

Der Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) beklagt ein „stilles Sterben“ von Handwerksbetrieben: Nicht wenige Inhaberinnen und Inhaber geben wirtschaftlich gesunde Betriebe auf – weil sie keine Nachfolger finden. Für Betriebe mit stabiler Belegschaft und aufgebauten Kundenstamm stellt dieser Marktaustritt von Wettbewerbern gleichzeitig eine Chance dar: wachsende regionale Nachfrage bei schrumpfendem Angebot.

Nachfolgeproblematik: Strukturelles Thema mit wachsendem Druck

Ende Dezember 2024 waren bei den Arbeitsagenturen 125.500 offene Stellen im Handwerk gemeldet – der tatsächliche Bedarf liegt nach ZDH-Schätzung noch erheblich höher. Parallel dazu fehlt es vielen Inhabern an geeigneten Nachfolgern aus dem eigenen Betrieb oder der Familie. Wer seinen Betrieb heute aktiv für einen externen Unternehmensverkauf vorbereitet, trifft auf eine Käufergruppe, die – im Vergleich zu anderen Sektoren – verhältnismäßig wenig strukturierten Angebotsstrom vorfindet.

Typische Bewertungsmultiples für Tischlereien beim Unternehmensverkauf

Für Tischlerei-Bewertung im KMU-Segment gilt die Ertragswertmethode als gängige Grundlage. Als marktorientierter Anhaltspunkt werden ergänzend EBIT-Multiples herangezogen. Für Betriebe aus dem Bereich Bau und Handwerk werden EBIT-Multiples von 3,80 bis 6,50 beobachtet, mit einem Mittelwert von rund 5,15 (BZH/WKO, Juli 2024).

Handwerksbetriebe werden in der Praxis eher mit Multiples von 3 bis 6 bewertet – im Unterschied zu wachstumsstarken Technologiesektoren mit deutlich höheren Faktoren. Für Kleinstbetriebe unter 2 Millionen Euro Umsatz, mit hoher Inhaberabhängigkeit und ohne strukturiertes Alleinstellungsmerkmal, liegt der realistisch erzielbare Multiple typischerweise im unteren Bereich dieser Bandbreite.

Ein Schweizer Vergleichsbeispiel aus einer öffentlich zugänglichen KMU-Bewertungspublikation (Schweizer Bundesrat/KMU-Portal) bestätigt die Größenordnung: Für einen Schreinereibetrieb mit 2,5 Millionen Umsatz und einem EBIT von 125.000 Euro ergab sich auf Basis von sechs Vergleichstransaktionen eine Wertbandbreite von rund 687.500 bis 800.000 Schweizer Franken – abhängig davon, ob EBIT-Multiple (ca. 5,5x) oder Umsatz-Multiple (ca. 0,32x) angewendet wurde.

Das Bild ist konsistent: Eine Tischlerei der betrachteten Größe und Struktur bewegt sich heute in einer Kaufpreisbandbreite von 400.000 bis 600.000 Euro. Mit systematisch weiterentwickelter Positionierung verschiebt sich diese Bandbreite merklich nach oben.

Werttreiber und Herausforderungen: Was Käufer bei Tischlereien prüfen

Käufer und Investoren, die Handwerksbetriebe erwerben, bewerten typischerweise folgende Faktoren besonders kritisch:

  • Inhaberabhängigkeit: Ist der Betrieb ohne den aktuellen Inhaber operativ führbar? Eine hohe Inhaberabhängigkeit senkt den erzielbaren Multiple messbar.
  • Kundenbindung: Gibt es wiederkehrende Kunden, Wartungsverträge oder dokumentierte Empfehlungsstrukturen? Oder ist das Geschäft transaktional und projektabhängig?
  • Mitarbeiterstruktur: Qualifizierte, langfristig gebundene Fachkräfte erhöhen den Unternehmenswert erheblich – angesichts des Fachkräftemangels sind sie zugleich schwer zu ersetzen.
  • Alleinstellungsmerkmal: Betriebe mit klar definierten Leistungspaketen, Nischenpositionen oder regionaler Markenbekanntheit erzielen strukturell höhere Multiples als Commodity-Anbieter.
  • Skalierbarkeit: Kann das Geschäftsmodell auf weitere Standorte oder Kooperationspartner ausgerollt werden?

Die Digitalisierung ist im Tischlerhandwerk längst angekommen: Der Einsatz digitaler Technologien kann Arbeitsabläufe effizienter gestalten und dabei helfen, komplexe Projekte schneller und präziser umzusetzen. Betriebe, die CNC-Technik, digitale Auftragssteuerung und konsequentes Online-Marketing kombinieren, sind für strategische Käufer und Konsolidierungsinteressenten deutlich attraktiver als rein analog geführte Werkstätten.

Was ist Ihr Tischlerei-Unternehmen heute wert?

Wenn Sie über einen Unternehmensverkauf, eine Nachfolge oder einen Teilverkauf Ihres Tischlereibetriebs nachdenken, ist der erste sinnvolle Schritt eine realistische Einschätzung der Kaufpreisbandbreite – und eine ehrliche Betrachtung, wo Ihr Betrieb heute steht und was sich in Vorbereitung auf einen Verkauf noch verbessern ließe.

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